Feldpost im Zweiten Weltkrieg
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Nach Stalingrad. Walther von Seydlitz' Feldpostbriefe und Kriegsgefangenenpost 1939-1955.

Torsten Diedrichs und Jens Ebert (Hrsg.)

Göttingen: Wallstein, 2018
428 pp., Ill.,
24,90 €
978-3-8353-3190-7

Der Titel "Nach Stalingrad" ist so mehrschichtig wie die Geschichte, die dahintersteht. Nach Stalingrad führt den Weg, wo Walther von Seydlitz die Stadt als kommandierender General des 51. Armeekorps mit erobern sollte. Doch auch er wurde zusammen mit 250.000 Soldaten von der Roten Armee eingeschlossen und kam schließlich mit 100.000 Mann in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Dort wurde er zum Mitbegründer des Bundes Deutscher Offiziere. Deren Aufgabe war es, Propaganda gegen die Wehrmacht und die militärisch-politische Führung des Dritten Reiches zu betreiben. Die Publikation ist außergewöhnlich. Die Verfasser von Feldpostbriefen, deren Korrespondenz erhalten und zugänglich ist, gehören meist den unteren Dienstgraden an. Ihre Korrespondenz überdauerte durch Zufall die Wirren des Zweiten Weltkrieges. Erst durch die Publikation der Briefe bekommen die Personen Identität. Die Leserinnen und Leser lernen sie kennen durch ihre Beschreibungen, ihre Gedanken und Empfindungen, die sie zu Papier brachten. Hier ist es anders. General Seydlitz kennt man aus den Geschichtsbüchern. Seine Biografie ist bekannt und für den Verlauf des Krieges relevant. Durch seine private Korrespondenz lernen wir den Menschen hinter dem offiziellen Bild nun kennen.

"Nach Stalingrad" hat drei große Kapitel. Im Zentrum steht die Auswahl von 195 Briefen, die sich drei zeitlichen Abschnitten zuordnen lassen: Vor, während und nach Stalingrad. Eingeleitet sind sie durch eine Einführung in Feldpost und deren Interpretation durch Jens Ebert. Als Historiker und Literaturwissenschaftler verfügt er über zwei Kompetenzen, die diese Arbeit wichtig sind. Er hat sich historisch mit der Schlacht um Stalingrad aus vielen Blickwinkeln befasst und er kennt sich aus mit den schriftlichen Zeugnissen. Stalingrad in der Literatur und im Spiegel der Feldpost gehört zu den Themen, mit denen er sich schon lange befasst. Zahlreiche Publikationen, Radio-Features und als Berater von Ausstellungen in Museen belegen dies eindrücklich. Ebert gibt in seinem Beitrag Hinweise, wie man Kriegsbriefe lesen kann. Denn auch hier ist Wirklichkeit nicht die Voraussetzung für Kommunikation, sondern dessen Ergebnis.

Das Wissen über Zensur etwa bestimmt mit, was man ungefährdet schreiben konnte. Selbst General von Seydlitz stand unter Beobachtung durch die Feldpostkontrolle, die vor hohen Rängen nicht halt machte. Im Gegenteil. Da Hitler seinen Generälen misstraute, war er an deren Haltung sehr interessiert. Die Zensur findet so einen Niederschlag in Seydlitz' Briefe. Er nutzt Codierungen, kaum verständliche Abkürzungen und schreibt, dass er Manches erst später mündlich berichten kann. Kritik an der Führung kommt so nur vorsichtig vor, wenn er etwa die Berater um Hitler für das Desaster verantwortlich macht.

Die Briefe nach Stalingrad aus der sowjetischen Gefangenschaft zeigen die Privilegien als General. Er darf häufiger schreiben als die einfachen Soldaten. In diesen Briefen, die ebenfalls zensiert wurden, geht es in erster Linie um Lebenszeichen an die weit verzweigte Familie. Briefe und Karten zu schreiben und zu erhalten gehörte mit zur Überlebensstrategie.

In seiner Einleitung gibt Ebert ein Instrumentarium an die Hand, die Briefe mit mehr Kompetenz zu verstehen. Dennoch wird dieser Schritt den Leserinnen und Lesern überlassen. Sie dürfen und sollen sich selbst ein Bild machen und die Aussagen des Generals kritisch betrachten.

Es ist interessant nicht nur zu wissen, was Seydlitz schreibt, sondern auch worüber er schweigt. Dies können Felspostbriefe nur eingeschränkt belegen. Eine umfassende Biografie trägt der Militärhistoriker Torsten Diedrich bei. Er hat sich im drittel großen Kapitel des Bandes mit der Person befasst und Dokumente und Zeitzeugen zusammengetragen, die ein umfassenderes Bild ergeben. Vor allem die Wandlungsprozesse an den historischen Schnittpunkten sind wichtig. Was ist schon in seiner Persönlichkeit angelegt, die die Veränderungen seiner Haltung glaubwürdig macht? Er ist kein Opportunist, der sein Fähnchen in den Wind hängt, woher dieser auch gerade weht. Er opponiert aber auch nicht offen gegen die militärische Führung des Dritten Reiches. Immerhin wurde er in Abwesenheit zum Tode verurteilt und seine Familie mit den Angehörigen der Attentäter vom 20. Juli 1944 zusammen interniert.

Die historischen und analytischen Beiträge rahmen den Monolog eines Generals. Seine Briefe "lassen viel von seiner soldatischen Mentalität, seinen Ehrbegriffen und seinen Handlungsmotiven erkennen," heißt es dazu im Vorwort von Jörg Hillemann, dem Kommandeur des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr, das sie Herausgabe des Buches unterstützt hat. Es richtet sich damit an eine junge Generation von Soldatinnen und Soldaten, die auch heute Rechenschaft ablegen müssen über ihr eigenes Handeln und Denken. Darüber hinaus richtet es sich an eine Leserschaft, die mehr wissen möchte über die Dilemmata eines Menschen, der in Verantwortung für Untergebene, Familie und sich selbst Entscheidungen mit großer Tragweite treffen muss.

Clemens Schwender In: Claudia Junk, Thomas F. Schneider (Hgg). "Krieg in Comic, Graphic Novel und Literatur" (Jahrbuch Krieg und Literatur/War and Literature XXIV/2018). Göttingen: V&R unipress, 2018.