Feldpost im Zweiten Weltkrieg
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No 2 Adlershorst, 4.3.45

Meine liebe Puppe, mein liebes Töchterchen!

Gestern gab ich mit Freimarke einen langen Brief (21.3.) mit nach Danzig. Ich weiß nicht, ob Ihr den jemals erhalten werdet, denn es schwirren wieder allerhand Gerüchte herum bz. Einkesselung u.s.w. Den gestrigen Brief, also vom 2.3. wollen wir, nachdem ich vorgestern zu meiner Freude den ersten Brief von Euch erhalten habe, mit No 1 bezeichnen. Der heutige soll die No 2 tragen. Es ist ein ekelhafter Zustand mit dieser Postverbindung. Sehr selten kommt Post heran. Du siehst ja, der Brief aus Danzig bz. Stempel ging 8 Tage, dabei ist Danzig nur 25 km entfernt von hier. Ja, liebe Mutti, Du meinst, ich soll an Onkel Gustav schreiben. [seitlich eingefügt: Hast Du die Gepäck-No.? Versicherungsschein? Sonst komme ich nicht mehr dazu, Onkel Gustav zu schreiben. Vielleicht ...(?) Keller.] Ist denn Deutschkrone nicht schon in russischen Händen? Ich bin ja so uninformiert, selten bekommt man den Rundfunk zu hören oder eine Zeitung zu lesen. Aber ich werde [es] trotzdem versuchen. Event. müßtest Du mal von Berlin aus bei der Reichsbahn reklamieren. Auf alle Fälle mußt Du auf der Hut sein. Mir sind leider von hier aus die Hände gebunden. Ich komme nicht heraus, da wir ja im Verteidigungszustand sind. Hier wird auch überall gebuddelt. Ich kam nur 2 x nach Gotenhafen, wo ich beim Optiker war. Dabei habe ich gleich was eingetauscht. Tabak gegen Brot und Butter. Mit dem Brot wird es eine Katastrophe. Jetzt bekommt Ihr wohl auch 1000 gr. weniger und nicht soviel zu essen, man muß aber sparsam mit dem Brot sein, ich schlafe viel. Ich wollte mir ein paar Hausschuhe bei einem Händler erstehen, er konnte ohne Bezugsschein nicht herausrücken, er gab mir aber dafür ¼ pfd. Butter und 100 gr. Fleischmarken. Nun konnte ich mir mit deinen 50 gr. u. 15 gr. Margarine gestern Wurst u. Margarine mitbringen lassen. Das ist ein schöner Zuschuß und man konnte sich mal sattessen. Aber, liebste Mutti, schicke mir nichts mehr. Ich habe Angst, daß Ihr es Euch vom Munde abspart und womöglich Hunger leidet. Das will ich unter keinen Umständen. Helga soll tüchtig essen, solange es geht. Es wird leider eine sehr schlimme Zeit mit der Ernährungslage werden, nachdem der Warthegau und Ost- und Westpreußen verloren sind. Hoffentlich braucht Ihr nicht Hunger zu leiden.

Das wäre für mich ein unerträglicher Zustand. Wie sich mein Schicksal weiter gestaltet, ist ungewiß. Morgen, Montag, soll ich mit noch mehreren Männern abgestellt werden. Ob nun Neufahrwasser bei Danzig oder Stettin weiß ich nicht. Ich vermute Neufahrwasser. Da ist der K.P. Thorn. Was die mit uns vorhaben weiß der Herrgott. Ich lasse alles an mich herantreten. Man soll nicht so viel simulieren, das Schicksal bestimmt nun einmal. Hauptsache, wir bleiben alle gesund, dann wird sich schon alles finden. Ich hoffe, daß man unsere paar Habseligkeiten im Harlingeroder Weg nicht schon aufgebrochen hat. Du siehst doch nach dem Rechten. Drängle Dich nicht nach der Arbeit, Du hast genug geschuftet und bedarfst der Ruhe. Hoffentlich ist Eure Erkältung schon vorüber. Ich bin es auch ständig, seitdem ich oben an der Flieger-Kaserne (Serpiner Weg), als mich der russ. Spähtrupp beschoß, in einen mit Wasser gefüllten Graben gefallen bin mit voller Ausrüstung! Unser Gepäck, also Wäschebeutel und einen Rucksack sowie den Holzkoffer und den Tornister ließen wir in der Gallwitz-Kaserne. Eines Nachts hat man, als wir uns absetzten, alles unser Gepäck verladen und nach der Unger Kaserne gebracht. Von da aus, als auch diese Kaserne nicht mehr zu halten war, zum Stadtgarten. Von da aus ist alles getürmt. Wir waren alle auseinandergerissen. Es wurden in großer Eile Kampftruppen aus allen Einheiten zusammengestellt und auf die Stadt verteilt. Ich war bei unserm Obltn., der gegen Süden Richtung Dambitzer-Tannenberg und Spittelhof, als der Iwan von der Autobahn kam, Melder. Aber bald mußten wir auch von da (Serpiner Weg 3 war in einer Wohnung unser Gefechtsstand) türmen und sind zur Danziger

Kaserne gepilgert in tiefer Nacht, damit der Russe nichts merkt. Bald erschienen auch russ. Panzer mit aufgesessener Infanterie und wir mußten wieder in Stellung gehen. Ich mit dem Stabsfeldwebel und Oberleutnant, zunächst Trusoschule(?). Da mußte der Stabsfeldwebel zurückbleiben, weil wir erstmal Verstärkung heranholen mußten (Goorgenhöhe total kaputt!). Bald aber wurde der Spieß (Oberfeldwebel) schwer verwundet. Bald hieß es das HJ-Heim stürmen. Ich mit dem Obltn. mußten dann die jungen Leute von der Feldherrenhalle erst antreiben. Der Iwan schoß mit der Pak auf uns, so daß ich zunächst mal in einem Graben, vor mir gefallene Soldaten, Schutz suchen mußte. Aber wir kamen auf den Berg trotz der Scharfschützen. Leider war der Zusammenhalt nicht so gut, mancher Landser türmte, als er Feuer bekam. In Dambitzen hatte der Russe unsere Gefangenen gesammelt. Jeden Morgen um 7° setzte seine Lautsprecher-Propaganda ein, aber wir reagieren nicht darauf. Eines Nachts hatte ich [mich] wieder mal abgesetzt, im äußeren Mühlendamm, Ecke Sonnenstraße, mit Neumann Horchposten. Kaum angekommen, bekamen wir Feuer von einem russ. Spähtrupp, der uns überrumpeln wollte. Ich jagte [ein] paar Kugeln nach und konnte somit den Versuch, uns zu schnappen, vereiteln. Im Keller hatten wir es uns gemütlich gemacht, einen Ofen geheizt und zu essen vorgefunden. Brot gab uns ein Bäcker. Eingemachtes lag noch herum, von Schröter hatte ich noch Butter und Käse. Unsere Verpflegung war knapp geworden, da der Iwan doch das Verpflegungsamt zuerst besetzt hatte. Es gab dann nur noch 1 Scheibe Brot

oder eine Knäckeschnitte pro Tag und Mann. Dann ging es über Zäune und Gräben im Eiltempo Ziesestrasse am Friedhof, vorbei an russ. Posten, zur Cementfabrik Naidszus, wo uns - nachdem unterwegs wieder viele fielen und verwundet wurden - ein mehrstündiges Trommelfeuer empfing. Aber der Durchbruch gelang. Wir mußen zwar noch 24 Std. warten, denn Müller machte erst eine Fähre, an der das Seil gerissen war, zurecht und nachts darauf ging's hinüber. Von da aus getippelt ca 20 km, an der HKL vorbei zur Sammelstelle. Jedenfalls bin ich heilfroh, daß ich aus der Hölle herauskam und wir wollen den Habseligkeiten auch nicht mehr nachtrauern. Daß Trudel wieder ein Mädchen hat ist ja erfreulich, aber die heutige Zeit? - Ich gratuliere auch noch den Eltern.

Wann wird der Krieg bloß zu Ende sein. Alles spricht davon, daß er nicht mehr lange dauern wird. Schön, wäre es ja. Aber was wird dann? Manche reden schon von Ostern!! Herrlich. Unsere Industrie hat ja der Feind schon in der Hauptsache. Hoffentlich braucht Ihr nicht zu frieren. Liebe Mutti, alles das sind so meine Gedanken, die mich Tag für Tag bewegen. Auf Strohsäcken auf der Erde schlafen wir nicht mehr. Ich habe mir mit Neumann (er wohnt Spandau West, Weißenburgerstr. 40) ein Bett gebaut. Aber morgen geht's nun wieder los. Wohin? Kannst Du mal Frau Haut (Schwester von Neumann) anrufen. 376664. N. hat noch keine Nachricht von seiner Frau und ist in Sorge. Sie war doch in Frankfurt solange! Wo jetzt? So, meine Lieben, für heute genug. Morgen oder übermorgen schreibe ich wieder, vielleicht schon von meinem neuen Domizil. Post kann weiter hierher gehen! Sie wird mir nachgeschickt. Vorsorglich aber immer Deinen Absender angeben. Man kann nicht wissen. Es geht alles doch "Hals über Kopf".

Ich werde versuchen, meinen Schaden, der mir in meinem Gepäck war(?) hier anzumelden. Wichtigste! Bücher nicht! Ich melde es bei der Wehrmacht an! Hoffentlich mit Erfolg!