Feldpost im Zweiten Weltkrieg
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Katrin Kilian: Das Medium Feldpost als Gegenstand interdisziplinärer Forschung.

Archivlage, Forschungsstand und Aufbereitung der Quelle aus dem Zweiten Weltkrieg.

Promotion
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"Wie schrecklich schwer ist doch das Schicksal jedes einzelnen Soldaten in diesem grässlichen Krieg, und wie wenig wird an den unbekannten Soldaten gedacht, an Jedermann." Diesen Satz schrieb ein junger Obergefreiter am 31. März 1945. Die Namenlosen, die den Krieg letzten Endes befehlsgetreu ausgeführt haben, sind bis heute in der Forschung kaum berücksichtigt worden. Viele von ihnen haben nicht nur keine Grablage, ihr Schicksal ist bis heute unbekannt, von den meisten sind auch kaum Spuren zu finden, die öffentlich zugänglich wären. Dennoch haben sie welche hinterlassen, und zwar als Selbstzeugnisse. Sie gingen jedoch entweder während des Krieges verloren oder wurden nach Kriegsende vernichtet. Der geschätzte Umfang ihrer Lebenszeugnisse liegt bei 120.000 bis 150.000 Feldpostbriefen bei etwa 30 bis 40 Milliarden angenommenen Sendungen, die während des Zweiten Weltkrieges im deutschen Postbereich befördert wurden. Dies demonstriert deutlich die Gewichtung der für aufhebenswert befundenen Zeitzeugnisse. Dabei werden sie in den Familien oftmals wie ein Schatz gehütet. Sind sie doch meistens die einzigen Erinnerungsstücke eines Angehörigen. Biografische Daten sind kaum zu den einzelnen Briefverfassern in öffentlichen Beständen vorhanden, obwohl Familienmitglieder noch befragt werden könnten. Dies erschwert den wissenschaftlichen Umgang mit den bedeutsamen Dokumenten. Die Archivsituation in Deutschland und wie sie voran gebracht werden kann, ist ein Kernpunkt des Promotionsvorhabens.

Bestandssituation. Der eingangs zitierte Satz stammt von Heinrich Böll, dessen "Briefe aus dem Krieg" im Herbst 2001 in zwei Bänden herausgebracht wurden. Seine Briefe lesen sich wie die vieler anderer und tragen doch - wie jene der unbekannten Soldaten - eine ganz persönliche Handschrift. Ihre Subjektivität verbindet sie und macht sie zu einer einzigartigen Quelle. Das Chaos aus persönlicher Aussagen zu strukturieren und systematisch zu erschließen, erfordert die Einbindung verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen mit ihren ganz unterschiedlichen Fragestellungen und Methoden. Hierzu wurden von mir mit Professorinnen und Professoren unterschiedlicher Disziplinen Interviews geführt.

Kommunikationsmedium. Innerhalb der Medienwissenschaft hat man sich bislang in der Beschäftigung mit dem "Dritten Reich" intensiv mit der Massenkommunikation beschäftigt. Feldpostbriefe lenken den Blick auf die Kommunikation der Massen. Der Brief ist ein Individualmedium, das ein filigranes Informationsnetz zwischen den Soldaten und ihren Angehörigen über das gesamte Operations-, Okkupations- und Heimatgebiet spannte. Andere Disziplinen haben sich dem Medium als wissenschaftliche Quelle bereits angenähert. Der heterogene Wissensstand und die vielfältige Problematik im Umgang mit den Briefen werden in der Arbeit erläutert und auf einen einheitlichen Stand gebracht. Es geht hierin um die Koordination des bisherigen Wissens- und Dokumentationsstandes, um daraus auf der Basis eines Forschungsabgleichs fachübergreifende Methoden und Umgangsformen zu entwickeln. So stellt diese Arbeit nicht nur einen Ausgangspunkt für eine medienwissenschaftliche Quellennutzung dar, sondern bietet auch die Möglichkeit der Aufbereitung der Quelle für eine Verwendung durch weitere Disziplinen.

Das Individualmedium "Feldpostbrief" wird hier erstmals aus kommunikations- und medienwissenschaftlicher Sicht beleuchtet. Die medien- und kommunikationsbedingte Geschichte wird vorgestellt, seine Entstehungs- und Kommunikationsbedingungen dargelegt sowie eine differenzierte Definition der Kriegspost vorgenommen. Sie erlaubt einen exakten formalen Umgang mit dem Medienzeugnis.

Relevanz. Obwohl bald nach Kriegsende damit begonnen worden war, die Einzelheiten des Geschehens zu erforschen, sind bis heute nicht alle Fragen hinreichend geklärt. Die Zahlen stimmen, aber die Rechnung geht nicht auf. Eine unbekannte Variable bildet darin der Einzelne im Kriegsgeschehen. Er stellt das Greifbare des Zusammenhangs dar. Die gewonnenen Erkenntnisse bleiben porös, hinter den drückenden Fragen nach der Involviertheit des "unbekannten Soldaten", nach der erschreckenden Stabilität und Effizienz des totalitären Systems. Jene Erkenntnisse über anonyme Zahlen und Daten erlauben aber auch erst Fragestellungen nach dem Individuum.

Zur Zeit des atomaren Wettrüstens, des "Kalten Krieges", einer starken Friedensbewegungen in Deutschland wurde auch die Frage nach der Beteiligung der deutschen Bevölkerung am Holocaust und Kriegsgeschehen diskutiert und in den Medien [1] thematisiert. Zu dieser Zeit wurde die Anthologie "Das andere Gesicht des Krieges" von Ortwin Buchbender und Reinhold Sterz 1982 herausgegeben, das erstmals die Quelle "Feldpostbrief" für die wissenschaftliche Nutzung präsentierte. Es zeigte Stimmen und Antlitz jener Deutschen, die aktiv am Krieg beteiligt waren. Vier Jahre später war sie noch immer eine "unentdeckte historische Quellengattung", wie Peter Knoch sie bezeichnete. Es dauerte mehr als zehn Jahre, bis sie für die wissenschaftliche Nutzung wiederentdeckt wurde. An ihr wird geprüft, ob sich Fragen, die seit Anfang der 1980er Jahre gestellt werden, beantwortet werden können.

Im Fadenkreuz der Betrachtung stehen die Denkweise, Wahrnehmung und Gefühlslage des Einzelnen, die in 18,2 Millionen [2] Köpfen gedacht, erlebt und empfunden wurden. Sie erlaubten den Aufbau und das Funktionieren eines stabilen Vernichtungsapparates, dem sie sich, als sie das "wahre Gesicht" [3] des Krieges erkannten, nur schwer entziehen konnten.

Vorgehensweise. Ziel der Arbeit ist es, die Quellenlage und den Stand der wissenschaftlichen Debatte für die dringend notwendige Auseinandersetzung durch die Forschung zu koordinieren und forcieren. Daraus ergeben sich die folgenden drei Themenkomplexe:

  1. Kontext und Begriffsbestimmung,
  2. Bestand, Forschungsstand und Dokumentation,
  3. Wissenschaftliche Nutzungsmöglichkeiten.

Im ersten Abschnitt wird ein historischer Abriss (Kapitel 1) der Entstehung der Quelle dargestellt. Ihm folgen die Kommunikationsbedingungen, unter denen das Medium "Feldpostbrief" entsteht: Der gesellschaftliche Kontext der Vorkriegs- und Kriegszeit der Zivilbevölkerung (Kapitel 2.1) als auch der Soldaten (Kapitel 2.2), die vielfältigen offiziellen Ereignisse in chronologischer Darstellung (Kapitel 2.3) und die Bedingungen der Übermittlung der Feldpostbriefe (Kapitel 2.4). Aus dem letztgenannten Kapitel wird erstmals eine differenzierte Begriffsdefinition des wissenschaftlichen Untersuchungsgegenstandes "Feldpost" (Kapitel 3) vorgenommen.

Der folgende Abschnitt beleuchtet die Quellenlage in Deutschland (Kapitel 4) sowie den Dokumentations- und Forschungsstand (Kapitel 5). Ergebnisse werden verknüpft und auf einen einheitlichen Stand gebracht, Desiderate werden aufgezeigt.

Im letzten und dritten Abschnitt werden noch offene Forschungsfragen diskutiert und fachübergreifend angeglichen (Kapitel 6). Herkömmliche sowie bislang ungenutzte, computergestützte Verfahren für die wissenschaftliche Auswertung der Quelle (Kapitel 7) werden vorgestellt. Die Möglichkeit der Erlangung einer statistischen Repräsentativität wird entwickelt. Ein Katalogsystem zur Archivierung und zum Zugang unter Einsatz moderner EDV wird erarbeitet (Kapitel 7.5). Es berücksichtigt den Kontext, die Definition, die Bestandssituation, die Forschungsfragen der verschiedenen Disziplinen als auch Möglichkeiten unterschiedlicher methodischer Zugriffe auf die Quelle. Damit wird ein Instrument geschaffen, das es erlaubt, sich den vielfältigen Gesichtern des Krieges wissenschaftlich und systematisch zu nähern.

Grundlage für eine systematische Sammlung. Die Arbeit zeigt, dass es nicht nur sinnvoll und höchste Zeit ist, die Bestandssituation den aktuellen Fragestellungen an die Kriegsgeneration anzupassen und Lebensdokumente aus dem Zweiten Weltkrieg systematisch zu sammeln, sondern auch, dass es mithilfe moderner EDV heute möglich ist, sie inhaltlich zu erschließen und die Situation in den Archiven voran zu bringen. Allerdings besteht die Notwendigkeit eines raschen Handelns: Mehr als ein halbes Jahrhundert nach Kriegsende stirbt die Kriegsgeneration aus. Ihre Briefe und Dokumente geraten oft in den Altpapiercontainer oder werden ihrer Briefmarken wegen verkauft. Ihre Mitteilungen sind damit für die wissenschaftliche Nutzung unwiederbringlich verloren. Zum anderen sterben mit der Kriegsgeneration jene Menschen, die uns entscheidende Daten zum Briefverfasser und -empfänger beantworten können. Denn eine solche Datenerhebung fehlt in den bundesdeutschen Beständen und lässt sich für vorhandene Sammlungen nicht mehr rekonstruieren. Sie sind aber ausschlaggebend für die wissenschaftliche Verwendung.

Die Notwendigkeit einer erneuten Sammlung, über 55 Jahre nach Kriegsende, erklärt sich nicht nur aus der ungenügenden Bestandssituation in der Bundesrepublik, sondern auch aus der Möglichkeit, die Sammlungsaktivität heute auf Ostdeutschland auszudehnen. Es ist erst seit gut 10 Jahren für solche Sammlungen erreichbar. Auch aus den Forschungsfragen ergibt sich schließlich die Antwort auf die Frage, was es wert ist, gesammelt zu werden: solange noch Fragen an die Kriegsgeneration bestehen, muss jedes Teilstück ihrer Hinterlassenschaft, das Aufschluss über ihr Denken, Fühlen und Handeln gibt, bedeutsam für die öffentlichen Archive sein. Ein Werkzeug für den Umgang mit dem Sammlungsgut bietet die Entwicklung einer Datenbank in diese Arbeit.

Grundlagen interdisziplinärer Forschung. Die uneinheitliche Verwendung von Termini der medienhistorischen Quelle, vor allem der diffuse Gebrauch der Begriffe "Zensur" und "Feldpost" hat zu einer unkoordinierten Forschungssituation geführt. In dieser Arbeit wird ein einheitlicher Forschungsstand sowie ein Dokumentations- und Bestandsabgleich vorgenommen. Dabei werden herkömmliche Methoden der unterschiedlichen Disziplinen berücksichtigt und neue, computergestützte vorgestellt. Damit wird die Grundlage für eine koordinierte inter- und transdisziplinäre Forschung geschaffen, die die Richtung einer interdisziplinären, konstruktivistischen Geschichtsbetrachtung vorgibt.

Grundlage einer interdisziplinären Geschichtsbetrachtung. In den Medien findet eine Selbstbeschreibung der Gesellschaft statt. Sie konstruiert und verfestigt damit Wirklichkeit. Wenn man davon ausgeht, dass private oder offizielle Botschaften, die über Individual- oder Massenmedien transportiert werden, ein zirkuläres System bilden, in dem sich die einzelnen Botschaften gegenseitig bedingen und beeinflussen, so muss man sich von Theorien trennen, die einseitig-lineare, dualistische und kausale Modelle beinhalten. Bezogen auf Feldpostbriefe bedeutet dies zum Beispiel die Loslösung von einem Interpretationsmuster, in dem ausschließlich militärische Ereignisse die Soldaten und Briefverfasser beeinflusst haben und führt hin zu der Überlegung, dass auch die Gesamtheit der einzelnen Soldaten die militärischen Ereignisse gelenkt haben. [4] Gleiches gilt etwa für die wechselseitige Bedingung zwischen den Soldaten und deren Angehörigen. Hierbei geht es also um Prozesse, in denen Realität durch die individuelle Wahrnehmung des anderen, seiner Botschaften und der eigenen Umwelt geschaffen wird, sowie die Widergabe der eigenen Wahrnehmung (Selbstbeschreibung), Einstellungen und Handlungen, die wiederum Realität konstituiert.

Wirklichkeit ist nur als Abbild rekonstruierbar. Diese Rekonstruktion von Wahrnehmung beinhaltet bereits eine gewisse Unmöglichkeit der Ermittlung einer wahrgenommenen Realität. Sie kann nur durch die überlieferten Fragmente und durch das, was jemand einmal für wichtig hielt aufzuschreiben, ermessen werden. Versteht und nutzt man die Quelle "Feldpostbrief" in diesem Rahmen, dann hat man ihrer Überbewertung bereits vorgebeugt. Aus dieser Quelle ist nicht zu erfahren, wie der Krieg war, sondern wie er erlebt wurde. Hierin begründet sich der Quellenwert und Informationsgehalt von Feldpostbriefen.

Eine konstruktivistische Geschichtsbetrachtung versteht die Realität historischer Ereignisse als einen Kreislauf aus unterschiedlichen Wahrnehmungen, die Realitäten schaffen, welche wiederum Wahrnehmungen konstituieren. Militärpolitische Zäsuren werden dadurch verschwimmen, der individuelle und gesellschaftliche Kontext trägt dazu bei. Geschichte konstruiert sich aus Geschichten. Eine solche Herangehensweise beugt auch einer Verwissenschaftlichung der Alltagsquelle vor.

Perspektive. Die Arbeit demonstriert, dass ein interdisziplinärer Umgang sowie eine transdisziplinäre Kooperation verschiedener Fachgebiete symbiotisch ist. Hierfür bietet der Feldpostbrief als Quelle die Chance eines Austausches unterschiedlicher Fachgebiete. Die Verfahrensweise eines arbeitsteiligen, auf Austausch basierenden und interdisziplinären Wissenschafts-Managements wird die Forschung an dem Alltagszeugnis voranbringen. Sie basiert auf einer transparenten Quellenutzung und einer interdisziplinären Geschichtsbetrachtung.

"Allem menschlichen Wahn ist ja eine Grenze gesetzt, und diese Grenze ist erreicht." schreibt Heinrich Böll am 3. April 1945 an seine Frau. Wie sehr uns diese Grenze noch immer beschäftigt, demonstriert das fachgebietsübergreifende Interesse an den Lebensdokumenten. Diese Arbeit öffnet die Schranken einer interdisziplinären Verständigung und räumt die Barrieren der mangelhaften Bestandssituation aus dem Weg. Die Beschäftigung mit den Grenzerfahrungen des Zweiten Weltkrieges bleibt dabei so lange aktuell, wie der "Wahn", von dem nicht nur Bölls Feldpostbriefe sprechen, aktuell ist.

[1] Als Ausgangspunkt ist hier die Fernsehserie "Holocaust", die vom WDR Anfang der 80er Jahre ausgestrahlt wurde, zu nennen. Vgl. Friedrich Knilli und Siegfried Zielinski (Hrsg.): Betrifft: "Holocaust". Zuschauer schreiben an den WDR, Berlin 1983
[2] In dieser Zahl sind die Angehörigen der SS enthalten. Die Wehrmacht bestand aus 17,3 Angehörigen.
[3] Heinrich Böll in einem Brief an seine Frau am 14.11.1943 aus: Schubert, Jochen (Hrsg.): Heinrich Böll: Briefe aus dem Krieg 1939-1945, 2 Bände, mit einem Vorwort von Annemarie Böll und einem Nachwort von James Reid, Köln 2001
[4] Die Betonung der Bedeutung des Einzelfalls in seinem Kontext zum Beispiel innerhalb eines gesellschaftlichen Systems, korrespondiert auch mit den Modellen der Chaosforschung. Die Fehlerkatastrophe etwa beinhaltet, dass jeder noch so kleine Fehler in irgendeinem Teil einer Rechnung sich bei den weiteren Rechnungen in einer Weise hoch schaukelt, dass auch der größte Rechner nach einer gewissen Zeit die Rechnung nicht mehr korrigieren kann.